Rund ums Selbst

Frau betrachtet sich im Spiegel selbst, Text: Begriffe rund ums Selbst

Alle Begriffe, die sich um das Thema Selbst-… drehen sind nicht nur für die kindliche Entwicklung, sondern auch für Eltern sehr wichtig.
Die meisten Eltern wünschen sich auf Nachfrage, dass ihre Kinder stark und selbstbewusst werden. Doch wie wird ein Kind stark und selbstbewusst?

Ich finde ja, es gibt fast nirgends so viel Begriffsverwirrung, wie in diesem Bereich. Das liegt daran, dass all diese Begriffe abstrakt sind. Das heißt, sie drehen sich um Dinge, die wir nicht angreifen und sehen können. Dabei ist es auch bei einem einfachen Begriff wie „Auto“ verwirrend genug. Sage ich Auto, dann entsteht vor deinem inneren Auge ein Bild. Je nachdem, wie sehr du dich für Autos interessierst, welch ein Auto du bzw. deine Familie hatte wird dein inneres Bild eines Autos anders aussehen. Die eine stellt sich einen pfiffigen Smart vor, die andere eine prächtigen Familien-Van und wieder andere eventuell sogar einen schnittigen Sportwagen. Trotzdem haben alle diese Bilder etwas gemeinsam: Sie haben einen Motor, vier Räder und können Insassen von A nach B befördern.

Bei den abstrakten Begriffen hängen deine inneren Bilder noch stärker von deinem familiären Hintergrund, deinen Werten und deinen Gefühlen ab.

Wenn zwei Menschen von Selbstbewusstsein sprechen, so meinen sie nicht unbedingt dasselbe. Darum werde ich als erstes die Begriffe so definieren, wie ich sie verstehe und verwende. Auch wenn der Begriff für dich anders belegt ist, kannst du ihn anhand der Erklärung gut für deinen Sprachgebrauch übersetzen. Ich werde die Begriffe in Bezug auf dein Kind erklären. Sie gelten selbstverständlich auch für Erwachsene.

Selbstbewusstsein

Für mich ist es ganz klar, wenn ich diesen Begriff zerlege: Sich seiner selbst bewusst sein.
Das bedeutet, wie nimmt sich dein Kind selbst wahr. Kinder beginnen ungefähr im Alter von 2 – 3 Jahren zu erkennen, dass sie eine eigene Person mit eigenem Willen sind. Das heißt, sie erkennen in dieser Zeit, dass sie getrennt von den anderen sind. Sie grenzen sich als Individuum klar von den restlichen Familienmitgliedern ab. Sie beginnen zu verstehen, dass sie eigene Grenzen haben und diese auch einfordern können. Genau das macht dieses Alter anstrengend und auch so wertvoll für die künftige Entwicklung. Es geht um die Wahrnehmung des ICH.

Martin Buber drückt es wunderbar aus: „Der Mensch wird erst am DU zum ICH.“ Wir erfahren uns selbst in der Interaktion und Auseinandersetzung mit dem Gegenüber.

Selbstvertrauen

Ich verstehe darunter die Fähigkeit der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen. Um dieses Selbstvertrauen zu lernen, brauchen die Kinder Menschen, die ihnen einen Vertrauensvorschuss gegen. Menschen, die ihnen signalisieren: „Ich vertraue dir! Ich nehme dich mit deiner Wahrnehmung und deinen Gefühlen ernst.“
Dazu gehört auch, ein Kind nicht zu zwingen etwas Wärmeres anzuziehen, wenn es herumtollt und meint, es wäre ihm nicht kalt. Es bedeutet, das Kind ernst zu nehmen in seinen Gefühlen und sie ihm nicht abzusprechen oder sie klein zu machen. Wenn ein Kind Angst hat, dann hat es Angst. Basta! Sätze wie: „Du brauchst keine Angst zu haben.“ Signalisieren dem Kind, dass seine eigene Wahrnehmung nicht stimmt.

Selbstsicherheit

Wie sicher ist dein Kind in seinen Handlungen. Hier wird ganz klar. Dass alle diese Begriffe sehr eng zusammenliegen und zusammenspielen. Denn die Selbstsicherheit erwächst aus dem Selbstwert.
Wie sicher ist dein Kind in der sozialen Interaktion mit anderen? Wie verhält und fühlt es sich in Gruppen? Wie sicher fühlt es sich in Situationen, denen es das erste Mal ausgesetzt ist?

Selbstachtung

Selbstachtung steht in engem Zusammenhang mit Selbstrespekt. Es geht also um die Achtung, die sich dein Kind selbst entgegenbringt und auch von anderen einfordert – um die Wertschätzung der eigenen Person. Selbstachtung ist für mich ein Indikator WIE sich eine Person behandeln lässt. Wie geht dein Kind mit sich selbst um? Wie weit lässt dein Kind es zu, dass der andere seine Grenzen missachten. Um dazu in der Lage zu sein, muss es diese Grenzen erst einmal kennenlernen und selbst wahrnehmen können.
Nur wenn ein Mensch seine Grenzen kennt, kann er wissentlich zulassen, dass jemand anderer seine Grenzen übertritt. Dann liegt es aber auch in der eigenen Verantwortung.

Selbstwert

Selbstwert ist die Basis!
Es ist der Wert, den sich dein Kind selbst beimisst. Dieser Selbstwert bestimmt die Interaktion mit anderen. Er ist dafür verantwortlich, ob dein Kind nach außen hin sicher auftritt, oder sich schnell verunsichern lässt. Er ist auch daran beteiligt, wie gut dein Kind mit Fehlern umgehen kann. Selbstwert sollte immer unabhängig von Liebe und Leistung sein.
Der Selbstwert entwickelt sich schon im frühesten Kindesalter. Schon lange bevor dein Kind sprechen lernt, nimmt es wahr, was seine Umgebung über es sagt und denkt.

Selbstwirksamkeit

Wenn dein Kind erlebt, dass es selbst etwas beitragen kann und dass es mit seinem Verhalten etwas bewirken kann, dann erfährt es Selbstwirksamkeit. Es erkennt, dass es dem Leben nicht hilflos ausgeliefert ist, sondern selbst etwas bewirken und verändern kann.
Prof. Gerald Hüther erzählt in einem seiner Vorträge, dass Singen eines der Dinge ist, wo Kinder Selbstwirksamkeit schon früh erfahren. Sie merken, dass kleinste Veränderungen an der Stimmbandmuskulatur andere Töne auslösen.
Maria Montessori nimmt als eines der Beispiele für Selbstwirksamkeit das geräuschlose Öffnen und Schließen einer Türe. Ein anderes ihrer Beispiele ist die Bewegungskontrolle beim Gehen auf der Linie.

Selbstentfaltung

Selbstentfaltung ist das Ausleben der eigenen Persönlichkeit, die Entwicklung der persönlichen Gaben, Talente und Stärken. Das Streben nach den eigenen Sehnsüchten, Träumen und Zielen.
Es ist also das Entfalten und erblühen lassen des eigenen Potentials, das sprengen von erlernten Grenzen und Blockaden. (Übrigens heißt meine Firma deshalb Entfaltungsparadies ;-) )

Natürlich gibt es noch einige andere Selbst-Begriffe: Selbstorganisation, Selbstmotivation und Selbstdisziplin sind nur einige davon.

In diesem Artikel wollte ich mich in erster Linie den Begriffen widmen, die für die Kindesentwicklung in den ersten Lebensjahren bedeutsam sind. Sie bilden sozusagen die Basis unseres Selbst, das Fundament, auf das wir unserer ganzes Leben lang aufbauen.

Bleib gelassen!

 

 

 

 

Deine Ilse Maria

 

P.S.: Übrigens plane ich für den Herbst ein neues Format, den Eltern-Stammtisch. Dort werden wir uns jeden Monat einem wichtigen Erziehungs- und Entwicklungsthema widmen. Wenn du über die Themen mitentscheiden willst, dann folge dem link zur Umfrage.

 

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