Brusttumor und seelische Belastung

Die seelische Belastung bei der Diagnose eines Brusttumors

Die Diagnose Brustkrebs oder auch Brusttumor konfrontiert Frauen im Vorfeld schon mit vielen Fragen. Sie bringt eine große seelische Belastung mit sich. Häufig werden die Frauen mit den Themen Selbstwert, Körperbewusstsein, Sexualität aber auch körperlicher Unversehrtheit, Tod und Endlichkeit, sowie mit der Frage um die eigene Lebenslust konfrontiert. Und dann sind da noch die medizinischen Fragen.

Brustkrebs - Brusttumor

Verena hat mir erlaubt, ihre Geschichte zu erzählen. Natürlich heißt Verena nicht Verena. Diese Anonymisierung hat sie sich ausgebeten.

Verenas Geschichte

Ich arbeite schon länger mit Verena zusammen. Heute sitzt sie mir gegenüber und stockt. Ich schaue sie an und warte. Plötzlich holt sie tief Luft und beginnt zu erzählen.

Körperliche Unversehrtheit und Empfindungsfähigkeit

„Das Schlimmste für mich war nicht der Tumor. Das Schlimmste war, dass an dem einzigen Körperteil an mir rumgeschnippelt werden sollte, den ich an mir wirklich mochte. Dieses Gefühl von `jetzt komme ich unters Messer´.“

Verena ist eine aparte Frau. Sie hat auffallend wache und ausdrucksvolle Augen, schön geschwungene Lippen und lange feingliedrige Finger. Mir fallen also noch eine Menge Körperteile an ihr ein, die ich als schön bezeichnen würde. Doch auf mich kommt es nicht an 😉

„Weißt du, ich bin ja nicht gerade schlank. Meine Schenkel sind zu dick und mein Becken ist viel zu breit. Aber meinen Busen habe ich immer gemocht. Trotz meines Alters war alles noch straff.
Aber selbst wenn es nicht so wäre, ich hätte mich nie freiwillig unters Messer gelegt. Ich hätte viel zu viel Angst gehabt, dass meine Empfindungsfähigkeit eingeschränkt wird. Meine Brust ist für mich ein wichtiges Empfindungsorgan.

Und dann das. Ich hatte keine Wahl mehr. Ich musste mich hineinschneiden lassen.“

Ich nicke. Ja, ich weiß. Ich kann das so gut verstehen.

Körperbewusstsein, Selbstwert, Selbstbild und Fremdbild

Verena: „Plötzlich stand ich vor der Frage: Was würde ich tun, wenn sie meine Brust ganz abnehmen müssen? Würde ich sie wieder aufbauen lassen? Oder könnte ich mich mit den Brustprothesen abfinden?

Ich gehe gerne in die Sauna. Könnte dich die Blicke dort ertragen?“

Wieder nicke ich und lasse sie reden. Alles sprudelt aus ihr heraus.

„Ich habe darüber nachgedacht, ob ich für meinen Mann dann noch attraktiv wäre. Und nach einer Zeit bin ich draufgekommen, dass seine Meinung ziemlich egal ist. Auch wenn er mit der neuen Verena leben könnte. Es kommt doch darauf an, ob ich es kann. Kann ich mich noch in den Spiegel schauen, ohne zu heulen, ohne mich vor mir selbst zu schämen und ohne mir verstümmelt vorzukommen.

Es schien mir vor der OP wie eine Verstümmelung. Denn ich habe beide Kinder gestillt. Gleichzeitig war ich so dankbar, dass ich diese Erfahrung machen durfte und dass das alles nicht vorher passiert ist.

An guten Tagen habe ich mir gesagt, dass das alles nicht wichtig ist. Ich möchte nur heil aus der Sache rauskommen. Alles was zählt, ist das Überleben. Ich hatte eine Ahnung davon, dass ich auf mich stolz sein würde, wenn ich es geschafft hätte.

Und dann waren da wieder die anderen Tage. Die an denen ich mir Sorgen machte. Meistens war das direkt nach einem Arztbesuch oder einer Untersuchung.“

„Ja, ich kann dich so gut verstehen.“, sage ich. Und es ist so. Ich kenne diese und ähnliche Fragen aus meiner eigenen Geschichte.

Eigene Endlichkeit und Lebenslust

Verena fährt fort:

„An diesen Tagen habe ich auch nachgedacht, ob ich bereit wäre zu gehen. Kann ich meine Familie schon allein lassen? Habe ich alles getan, damit sie gut ohne mich weiter gehen können?

So komisch es klingt, diese Fragen haben mich nicht nur gequält, sondern mir gleichzeitig Kraft gegeben. Sie machten mir immer wieder bewusst, dass ich noch nicht bereit bin, zu gehen. Ich will noch so viel erleben. Ich will sehen, dass meine Kinder die Schule fertig machen, dass sie studieren. Ich will wissen, welchen Beruf sie ergreifen.

Ich möchte noch so vieles ausprobieren. Ich möchte die Welt sehen.

Und ich möchte noch schöne Jahre mit meinem Partner verbringen.“

Verena wurde bereits vor einigen Wochen operiert. Sie hat nur eine kleine Naht. Die histologische Untersuchung war so weit in Ordnung. Das Gewebe war zwar malign, aber der Tumor konnte restlos entfernt werden. Demnächst diskutiert das Tumorboard, ob weitere Maßnahmen erforderlich sind.

Obwohl Verena bereits die OP gut hinter sich gebracht hat, spricht sie in der Gegenwart. Sie ist geistig und seelisch noch in dieser Situation.

Solange sie nicht weiß, wie es weiter geht, kann sie nicht abschließen.

Medizinische Fragen

„Weißt du, sie haben gesagt, dass der Tumor hormonsensitiv ist. Daher diskutieren sie, ob ich jetzt Hormone nehmen soll. Ich finde das gruselig. Hormonsensitiv, wie das klingt.“

Ich lache. „Das haben sie bei mir damals auch gesagt. Und ich war ziemlich geschockt. Bis mir eingefallen ist, dass es sich um einen Brusttumor handelt. Die Brust ist an und für sich ein hormonsensitives Gewebe. Sonst könnten wir keine Milch produzieren, sonst hätten wir im Falle von PMS kein Ziehen in der Brust. Das heißt, die meisten Zellen einer gesunden Brust sind ebenfalls hormonsensitiv.“

Jetzt lacht Verena ebenfalls.

Angst

„So habe ich das gar noch nicht gesehen. Du hast Recht. Wow, ein Satz von dir und die Angst zieht sich zurück. Jetzt kann ich gleich viel entspannter auf das Ergebnis vom Tumorboard warten.“

Auch bei Verena ist, wie bei mir damals, alles gut ausgegangen. Trotzdem war sie überrascht, wie lange sie gebraucht hat, um sich zu erholen.

Regenerationszeit

Es ist nicht der Eingriff. Wenn „nur“ ein Tumor entfernt wird, ist das keine große Sache. Ein Tag Krankenhausaufenthalt – und schon ist alles erledigt.

Es sind die Fragen, die so eine Diagnose aufwirft. Es ist die Erschütterung deines Lebens, die so viel Kraft kostet.

Es ist auch die Dankbarkeit, dass es gut ausgegangen ist – und dass es bei so vielen anderen Frauen nicht so gut ausgeht.

All das kostet Kraft, nimmt Energie und raubt dir den Schlaf.

Und es braucht eine Menge Zeit, um all das gut zu verarbeiten. Viel mehr Zeit, als du selbst anfänglich glaubst. Oft auch mehr Zeit, als dir die Umwelt zugesteht. Gerade dann, wenn alles gut ausgegangen ist, ist das Verständnis enden wollend. Frauen werden gefragt, warum sie immer noch müde und nicht voll leistungsfähig seien. Es war ja nur eine verhältnismäßig kleie OP.

Auch wenn Chemo oder Bestrahlung notwendig sind, gibt es gute Tage, an denen kaum auffällt, dass diese Frauen krank sind. Sie selbst fühlen sich aber nicht voll leistungsfähig. Sie sind nicht so belastbar, wie vor der Krankeit. Außerdem hängt nicht jeder seine Krankheit an die große Glocke. Oft wissen im Umfeld nur wenige, ausgewählte Personen Bescheid.

Wenn du Unterstützung brauchst, um das Chaos in deinem Hirn aufzudröseln, dann melde dich bei mir. Ich verstehe dich und weiß, wie es dir geht.

Schreib mir am besten ein E-Mail, nutze das Kontaktformular oder rufe mich an. Meine Telefonnummer findest du ebenfalls auf meiner Kontaktseite.

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