Wahrnehmungsstörungen und sensorische Integration – Was ist das?

 

Du nimmst die Welt mit all deinen Sinnen wahr!
Umgangssprachlich verfügen Menschen über fünf Sinne: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten.

Genau genommen nehmen nimmt ein Mensch sich selbst und die Umwelt aber mit Hilfe seiner Nah oder Basissinne und der Fernsinne wahr.

  • Du kannst deinen Herzschlag fühlen.
  • Du weißt, wo im Raum du dich befindest und ob du stehst, sitzt oder liegst.
  • Du spürst, ob du schwitzt oder ob deine Haut vom Regen feucht wird.
  • Du merkst ob ein warmer Wind weht, oder ein kalter.
  • Du spürst, wie die schwere Einkaufstasche deine Hand nach unten zieht. Diesen Zug nimmst du in deinen Gelenken wahr.

All diese Informationen verdankst du deinen Nahsinnen.

Die Nah- oder Basissinne

Die Nahsinne sind für das eigene Erleben verantwortlich. Sie bestimmen, wie du dich selbst wahrnimmst. Klick um zu Tweeten

Gleichgewichtssinn

Am Gleichgewichtssinn sind verschiedene Organe beteiligt. Das Gleichgewichtsorgan im Ohr, das Stellsystem bestehend aus Muskeln, Sehnen und Gelenken und das Auge für die Frühmeldung.

Du hast sicher schon bemerkt, dass es viel leichter ist auf einem Bein zu stehen, wenn du die Augen offen hast. Wenn du dabei einen Punkt fixierst, wird es noch einfacher.
Schließt du hingegen deine Augen, dann ist dein Gleichgewichtssystem viel mehr gefordert, weil der Bezugspunkt fehlt.

Oberflächenwahrnehmung

Die Oberflächenwahrnehmung hilft dir zu erkennen, welche Temperatur herrscht, wie feucht die Luft ist oder wie eine Oberfläche beschaffen ist.

Die Wahrnehmungsorgane dafür liegen in der Haut. Es sind Chemo-, Thermo- und Mechanorezeptoren.
Das klingt jetzt kompliziert. Es sind simpel Zellen in deiner Haut, die auf Temperaturunterschiede (kalt-warm-heiß), Oberflächenunterschiede (rau-glatt), Feuchtigkeit (trocken-feucht-nass) oder auch chemische Reize (Lauge-Säure) reagieren.

Tiefeninformation

Durch die Tiefeninformation erkennst du Bewegung, Druck und Zug. All diese Informationen erhältst du durch deinen Muskeln, Sehnen und Gelenke.

Wenn du eine schwere Tasche trägst, so spürst du den Zug in deinen Gelenken, vor allem im Hand- und Schultergelenk.

Fernsinne

Die Entwicklung uns Ausreifung der Nahsinne ist die Grundlage für die Fernsinne. Die Fernsinne sind uns sehr geläufig. Sie sind in erster Linie für das Erleben der Umwelt.

Die Entwicklung uns Ausreifung der Nahsinne ist die Grundlage für die Fernsinne. Die Fernsinne sind in erster Linie für das Erleben der Umwelt verantwortlich. Klick um zu Tweeten

Sehen

Du siehst mit deinem Auge. Soweit, so klar.
Du nimmst mit deinem Auge also Farbe, Lichtstärke und Lichtdurchlässigkeit eines Gegenstandes wahr.

Genau diese Lichtdurchlässigkeit ist es, die dich erkennen lässt, ob es Zeit ist ein Fenster oder auch deine Brillen zu putzen ;-)

Hören

Mit dem Ohr nimmst du

  • Geräusch, wie das Knarren einer Tür,
  • Klänge, wie das klingen einer Glocke,
  • Laute, wie das erste ma-ma-ma deines Kindes und
  • Töne einer Melodie oder eines Instruments wahr.

Riechen

Für das Riechen sind die Nase und das Riechepithel (Schleimhaut, die die Nasenhöhle im obersten Bereich auskleidet) zuständig.

Damit nehmen wir Gerüche und Düfte wahr.

Schmecken

Die Organe für das Schmecken liegen in deinem Mundraum. Es sind die Zunge, der Rachen und der Gaumen.

Du nimmst damit nicht nur Geschmacksrichtungen (süß-sauer-bitter-salzig-umami) wahr. Dein Rachenraum ist auch für die Eigenwahrnehmung zuständig. Bei Stress kann es sein, dass dein Mund trocken wird.

Reizverarbeitung

Sensomotorischer Regelkreis nach Jean Ayres

Es erfolgt die Aufnahme eines Reizes aus sich selbst oder dem sozialen Umfeld (Input).

Dieser Reiz wird über Nerven zum Gehirn weitergeleitet. Das ist die sogenannte Afferenz, die Leitung der Nerven, die zum Gehirn führen.

Im Gehirn wird dieser Reiz verarbeitet. Die Verarbeitung im Gehirn ist vielfältig. Reize können gehemmt, gefiltert, gespeichert, verglichen, koordiniert, eingeordnet und erkannt werden.

Danach wird er von Nerven die vom Gehirn weg führen weitergeleitet (Efferenz),

um eine Reaktion (Output) zu erzeigen. Diese Reaktion kann einen Handlung, ein Gedanke, eine Emotion oder ein Verhalten sein.

Es erfolgt eine Rückmeldung (aus sich selbst oder dem Umfeld) und diese Rückmeldung setzt eine Feed-back-Schleife in Gang.

Zum besseren Verständnis gebe ich dir ein (stark vereinfachtes) Beispiel.

Du fühlst Durst, der Reiz wird ans Gehirn geleitet, dort erfolgt die Verarbeitung und das Signal „trinken“ wird zurückgesendet. Das setzt jetzt eine Reihe von Feed-back-Schleifen in Gang.

Wo ist die nächste Wasserquelle (Wasserhahn, Wasserflasche)?

Nehmen wir an eine Wasserflasche steht neben dir.

Wo sind die Gläser oder trinke ich gleich aus der Flasche?

Du beschließt aus der Flasche zu trinken und greifst danach, schraubst sie auf, setzt sie an deinen Mund und trinkst

Zwischen all den geschilderten Handlungen laufen noch unzählige weitere Feed-back-Schleifen ab.

Du merkst schon wie schnell die Nervenleitungen arbeiten und wie unglaublich rasch unser Gehirn reagiert.

Bei der Verarbeitung der Reize kann es zu Fehlentwicklungen oder auch zu Verarbeitungsstörungen kommen.

3-Stufen-Konzept nach Affolter

Nach Félicie Affolter entwickelt sich Wahrnehmung in drei Stufen, die aufeinander aufbauen und sich beeinflussen.

Die Modalspezifische Stufe

Diese Stufe wird auch sinnesspezifische Stufe genannt und bezieht sich auf die jeweils spezielle Leistung der einzelnen Sinnesorgane. Das Kind übt die Funktion seiner Sinnesorgane unabhängig voneinander. Diese Stufe herrscht in den ersten drei Lebensmonaten vor.

Der Säugling bewegt sich und reagiert vorwiegend reflektorisch. Das heißt er bewegt sich, bis er an einen Widerstand stößt.
Das Greifen wird z. B. durch Berührung ausgelöst.

Die intermodale Stufe

Diese Stufe erfolgt zwischen 4. und 8. Lebensmonat. Es werden zwei verschiedene Reize miteinander verbunden und koordiniert.
Der Säugling greift nach einem Gegenstand und schaut ihn an. (Hand-Auge-Koordination). Das Greifen wird in der Folge nicht durch Berührung, sondern durch das Sehen ausgelöst.

Das Kleinkind hört etwas, schaut sich um, entdeckt die Geräuschquelle und krabbelt hin.

Einzelwahrnehmungen werden also in Bezug zueinander gebracht und Zusammenhänge erfasst.

Die seriale Stufe (ab dem 9. Lebensmonat sichtbar)

Einzelwahrnehmungen werden nun vom Kind auch zeitlich und räumlich eingeordnet. Die Reihenfolge von Handlungen wird erkannt und das ermöglicht Nachahmung.

Auf dieser Stufe beruhen alle komplexen Leistungen wie

  • Nachahmung von Bewegungen, Lauten und Handlungen
  • Beenden einer Tätigkeit, bevor eine neue begonnen wird
  • Aneinanderreihen von Teilen
  • Aneinanderreihen von Sprachlauten zu Worten, Tönen zu Melodien, Worten zu Sätzen
  • Erzählen von Erlebnissen und Geschichten in der richtigen Reihenfolge
  • Zählen in der richtigen Reihenfolge
  • Logisches Denken
  • Geplantes Verhalten
  • Freies Handeln aus der Vorstellung heraus (malen, bauen formen)
  • Einhaltung von Regeln der Gemeinschaft
  • Befolgen von Spielregeln
  • Komplex gereihte Handlungen (wie z. B. Tisch decken)

Wahrnehmungsstörungen

Wahrnehmungsstörungen sind also keine Diagnose oder Krankheit. Es ist ein Sammelbegriff, der verschiedene Störungen der Wahrnehmungsentwicklung und –verarbeitung zusammenfasst.

Viele Auffälligkeiten im Säuglings-, Kleinkind oder Jugendalter hängen mit Wahrnehmungsstörungen zusammen oder werden gar von diesen verursacht.

Am Regelkreis siehst du schon, dass die Verarbeitungsfehler vielfältig sein können. Entweder werden Reize zu stark, zu schwach oder gar nicht weitergeleitet oder die Verarbeitung im Gehirn ist fehlerhaft und führt zu falschen Reaktionen und Feed-back-Schleifen.

Beispiele

  • Dein Kind verweigert bestimmte Nahrungsmittel und reagiert darauf mit körperlichen Reaktionen wie Würgen oder Erbrechen.
    Hier kann eine Wahrnehmungsstörung im Mund die Ursache sein. Es gibt Kinder, die mit uneinheitlicher Konsistenz von Nahrung nicht umgehen können. Flüssig ist ok, breiig ist ok und fest ist ok. Nahrung mit gemischter Konsistenz wie z. B. Apfelkompott oder Gemüsesuppe mit Gemüsestücken verursacht Unbehagen.
  • Schreibabys können z. B. eine Störung der sinnvollen Verarbeitung von Haut- und/oder Gleichgewichtsreizen oder eine akustische oder geschmackliche Überempfindlichkeit haben.
  • Störungen in der Taktil-kinästhetischen Entwicklung können sich in Aggression (Ich hab ja nur leicht geschubst.) oder übergroßer oder fehlender Ängstlichkeit äußern.
    Oder aber das Kind hat ein mangelndes Körperbewusstsein, haut sich oft an, hat ständig blaue Flecken und ist ein richtiger Bruchpilot.
  • Eine zu geringe Tiefenwahrnehmung kann dazu führen, dass Kinder herumhampeln und nicht ruhig sitzen bleiben.
  • Kinder, die leichte Oberflächenreize nur schlecht ertragen, weil sie schlecht verarbeitet werden. Diese Kinder mögen nicht gekitzelt oder federleicht gestreichelt werden.
  • Kinder deren Oberflächenwahrnehmung vermindert ist, wirken oft distanzlos. Sie verlangen nach Berührung und wirken oft unangepasst.
  • Kinder mit einer Unterempfindlichkeit des Gleichgewichtssystems wirken oft zappelig und unkoordiniert. Sie bewegen sich schnell und sind oft eher ängstlich. Bei starken Reizen auf das Gleichgewichtsorgan fühlen sie sich überwältigt (z. B. hohes Schaukeln)

Du siehst Wahrnehmungsstörungen sind ein weites Feld. Sensorische Integration hilft die Wahrnehmung zu schulen und versäumte Stufen nachzuholen bzw. nach zu nähren.

Viele Kinder entwickeln ihre eigenen Strategien, um mit diesen Wahrnehmungsstörungen umzugehen. Eine dieser Strategien habe ich im Video angesprochen.

Natürlich können auch Eltern und Pädagoginnen den Kindern helfen, die Sinne und die Wahrnehmungsverarbeitung gut zu entwickeln.

Ausgeprägte Wahrnehmungsstörungen sollten jedoch immer behandelt werden. Das hilft den Kindern gut mit sich selbst und der Umwelt umgehen zu können.

Hilfe finden Kinder und ihre Eltern je nach betroffenem Sinnesorgan bei Ergotherapeuten, Logopäden und Physiotherapeuten.

Sensorische Integration

Die Integration der Sinne ist das ordnen der Empfindungen, um sie gebrauchen zu können.
(Jean Ayres)

Sensorische Integration ist also die ordnungsgemäße Verarbeitung der Reize, die auf uns einwirken. Klick um zu Tweeten

Stell dir vor, du möchtest einen Apfel essen. Du wäschst den Apfel und isst ihn. Du nimmst den Apfel also mit deinen Augen wahr, fühlst ihn in der Hand, riechst sein Aroma, spürst die glatte Apfelhaut. Es strömen also Reize von allen Sinnesorgangen auf dich ein. Du siehst, spürst, riechst und schmeckst den Apfel. Es sind die Muskeln und Sehnen deiner Hand genau so beteiligt, wie die Kiefermuskulatur und der Mundraum. All diese Eindrücke müssen zum Gehirn geleitet werden und dort zu einem sinnvollen Erleben zusammengesetzt werden. Diesen Vorgang nennt man Integration. Erst dieses Zusammenfügen der einzelnen Impulse ermöglicht es dem Gehirn den Apfel in seiner Gesamtheit wahrzunehmen und deine Hand mit dem Apfel zum Mund zu führen.

Wenn du dir das so überlegst, wird schnell klar, welch unglaubliche Leistung in unvorstellbar kurzer Zeit unser Gehirn vollbringt.

Schlechte sensorische Integration

Sensorische Integration ist nicht eine Sache des Entweder-Oder. Man hat nicht eine vollständig perfekte sensorische Integration oder aber gar keine. Niemand von uns ordnet seine Empfindungen perfekt.
(Jean Ayres)

Je nachdem wie gut das Gehirn sinnliche Wahrnehmung verarbeitet spricht man von guter, mittelgradiger oder schlechter sensorischer Integration.
Schlechte sensorische Integration führt zu verschiedensten Schwierigkeiten. Ein Mensch mit dieser Herausforderung muss sich mehr anstrengen und hat in bestimmten Bereichen mehr Schwierigkeiten als andere Menschen.

Ungefähr 5 – 10 % der Kinder haben so große Schwierigkeiten mit der Verarbeitung sinnlicher Wahrnehmungen, dass sie langsamer lernen oder Verhaltensprobleme haben. Das hat aber nichts mit der Intelligenz dieser Kinder zu tun. Sie tun sich nur schwer, die auf sie einströmenden Reize zu ordnen, zu verarbeiten und zu vergleichen.

Ungefähr 5 - 10 % der Kinder haben so große Schwierigkeiten mit der Verarbeitung sinnlicher Wahrnehmungen, dass sie - trotz guter Intelligenz - langsamer lernen oder Verhaltensprobleme haben. Klick um zu Tweeten

Wie kannst du dein Kind unterstützen?

ACHTUNG: Ich spreche hier nicht von Hilfe im Sinne von Therapie, sondern um Hilfe im Sinne von guter Entwicklung.
Dazu brauchst du nur das zu tun, was du wahrscheinlich ohnehin machst. Du meisterst den Alltag mit deinem Kind und du beziehst es in den Alltag ein.

Jedes Spiel, bei dem dein Kind sich selbst spürt und Berührung durch andere erfährt, fördert seine Wahrnehmung und schult die Verarbeitungskreisläufe.
Massagespiele regen die Eigenwahrnehmung und damit die Nahsinne an.

Singen schult das Gehör und bewirkt auch eine Aktivierung der Nahsinne. Dein Kind nimmt sich beim Singen selbst wahr. Es spürt die Resonanz im Brustraum, die Vibration der Stimmbänder.

Jedes Bewegungsspiel schult die Muskulatur und auch das Gleichgewichtsorgan.

Du siehst, es ist keine Hexerei. Ein gesundes Kind bekommt im Alltag genügend Anregungen.

Fazit

Beobachte dein Kind und denke bei Auffälligkeiten, dass eine Wahrnehmungsstörung der Grund sein könnte. Wenn du diesen Verdacht hast, gehe ihm nach, denn es ist unnötig, dass dein Kind leiden muss.

Gleichzeitig besteht aber kein Grund übervorsichtig zu sein. Viele Dinge wachsen sich mit der Zeit aus bzw. beeinträchtigen geringe Formen von Wahrnehmungsstörungen die Kinder nicht dauerhaft. Sie finden ihre eigenen Strategien im Umgang damit.

Bleib gelassen!

Deine

 

 

 

 

Textquellen

A. Jean Ayres, Bausteine kindlicher Entwicklung

Kindergarten Heute spezial, Wahrnehmungsstörungen bei Kindern – Hinweise und Beobachtungshilfen

Bildquellen

getstencil.com

 

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