Wie du in deiner KITA oder Kindergartengruppe gut mit dem Thema Trauer umgehen kannst

Ein Erfahrungsbericht

Engelstatue im Wald

Kürzlich habe ich durch eine Kollegin in meinem Mastermind Kontakt zu einer Kindergartenpädagogin bekommen. Diese mutige Frau war so freundlich mir ihre Erfahrungen mit dem Thema Tod und Trauer im gelebten Kindergartenalltag zu berichten.
Aus Gründen der Diskretion werden hier weder der Kindergarten noch die Namen der Beteiligten genannt. Die Erfahrungen selbst sind aber zu wertvoll, um sie unter Verschluss zu halten. So habe ich mich gemeinsam mit dieser Kindergartenpädagogin dazu entschlossen, ihren Bericht anonymisiert niederzuschreiben. (Damit dieser Tatsachenbericht nicht zu emotionslos rüberkommt, habe ich mich entschieden Namen und Orte zu erfinden!)

Die Vorgeschichte

Frau Burger ist Erzieherin in einer deutschen Großstadt. Sie wird von ihren Schützlingen liebevoll nur bei ihrem Vornamen Eva gerufen.
Vor ungefähr einem Jahr passierte im Kindergarten, in dem Eva arbeitet das, wovor alle Erzieherinnen Angst haben. Ein Kind verstarb!
Das gehört zu den Schreckensszenarien aller Eltern und auch aller Pädagoginnen.

Und doch können die Kinder, die Eltern, das ganze Team und auch Eva heute dankbar auf den Vorfall zurückblicken. Sie haben gemeinsam viel gelernt. Unter anderem hat sie die Krise zusammengeschweißt. Der Zusammenhalt zwischen den Eltern aber auch die Zusammenarbeit zwischen Pädagoginnen und Eltern hat sich sehr verbessert. Die Krise wurde zur Chance!

Im Juni 2017 kam ein kleiner Junge in die Gruppe. Er war am Down-Syndrom erkrankt und hatte einen Herzfehler. Er war das Kind einer Familie, die erst vor kurzem nach Deutschland gekommen war. Die Familie sprach wenig deutsch und war sehr verunsichert.

Schnell baute Tarek eine Beziehung zu seiner betreuenden Pädagogin auf. Es war Eva die ihn betreute. Der Junge lernte bei ihr das Laufen und auch die Familie fasste schnell Vertrauen. Die Eltern waren sehr dankbar und freuten sich an den Fortschritten ihres Kindes. Eines Nachmittags im Oktober wachte Tarek auf und Eva dachte sich: „Der ist nicht fit. Irgendetwas brütet er aus!“ Beim Abholen sagte sie es den Eltern. Am nächsten Tag kam Tarek nicht in den Kindergarten.

Meningokokkenalarm

Nach einigen Wochen bekamen die Mitarbeiterinnen des Kindergartens einen Anruf vom Gesundheitsamt, dass alle Mitarbeiterinnen und Kinder zu Meningokokken-Vorsorge müssten. Ein Kind aus der Gruppe wäre an Gehirnhautentzündung erkrankt. Dieses Kind war Tarek.
Die Menschen, die am meisten Kontakt hatten mussten sich einer vorsorglichen medikamentösen Behandlung unterziehen. Ein paar Tage später kam ein Anruf von der Klinik, dass es um das Kind sehr schlecht stehe und es ins künstliche Koma versetzt würde.
Es war eine ganz harte Woche!

Doch dann kam es noch schlimmer

Auf einmal erfuhr die Kindergartenleitung, dass das Kind verstorben war. Das war ein Schock für alle. Als integrativer Kindergarten wurde in der Einrichtung immer schon viel mit behinderten Kindern gearbeitet. Aber bisher gab es nie einen Todesfall.

Wie geht ein Pädagogen-Team mit dem Tod eines Kindes um?

Das Team befand sich im ersten Moment in Schockstarre. „Was machen wir jetzt? Wie können wir damit umgehen?“ Diese Fragen standen im Raum.

Diese Frage galt für jeden im Team aber auch für das gesamte Team, für die Eltern und auch für die Kinder. „Wie können den Kindern ja nicht einfach sagen Tarek kommt nicht mehr! Es kommt jetzt jemand anders, der das Zeichen von Tarek bekommt.“ Zur Tagesordnung überzugehen stand also nicht zur Diskussion.

Krisenrat

Die Leiterin, Eva und das Team haben sich zuerst einmal überlegt, was sie sich als Team wünschen und was sie sich als Eltern wünschen würden, wenn sie ein Kind im Kindergarten hätten.
So wurde organisiert, dass am nächsten Tag vor Kindergartenbeginn schon jemand von der Familienberatung im Haus war. Die Berater konnten ganz viele Sorgen nehmen und erklärten, dass der Schock normal ist und Kinder und Team anders trauern, als die Eltern des Kindes. Aber alle sind am Verarbeitungsprozess beteiligt.

Information und Gedenken

Daher entschied sich das Team einen Brief an die Eltern aller Kinder zu schreiben und einen Trauerraum einzurichten. In einem kleinen Raum wurde ein Gedenkort für das Kind eingerichtet. Dort stand ein schön dekorierter Tisch mit einem liebevoll gerahmten Bild des verstorbenen Tarek. Seine Lieblingsspielsachen fanden auf dem Tisch Platz. Es gab Kerzen, frische Blumen, Fachliteratur und Bilderbücher.

Die Eltern wurden ins Boot geholt

Am nächsten Tag haben Eva und ihre Kolleginnen alle Eltern beim Eintreffen empfangen und in diesen Raum mitgenommen. Dort haben sie den Eltern erzählt, was passiert ist.
Die Eltern wussten ja bereits, dass Tarek krank war. Sie mussten ja teilweise mit den Kindern schon zur Meningokokken-Vorsorge. Im ersten Moment war das für die Eltern ein großer Schock. Viele Eltern standen betroffen da, manche haben sogar geweint und wussten nicht, was sie sagen sollten. Wir haben zum Teil mit den Eltern gemeinsam geweint. Für eine Kollegin war das besonders schwierig, weil sie selbst zuvor in der Familie einen Todesfall hatte. Sie hatte bis zu diesem Zeitpunkt das Thema Tod immer unter den Teppich gekehrt.

Man konnte genau sehen, welche Kolleginnen von dem Thema Tod zwar berührt wurde, aber gut damit umgehen konnten. Für manche war das Thema aber angstbelastet und sie taten sich mit diesem Prozess selbst sehr schwer. Eva selbst hatte eine Zeit lang in der Altenpflege gearbeitet und hatte bereits sehr berührende Erfahrungen in der Sterbebegleitung gemacht.

Die Eltern wurden auch informiert, dass das gesamte Team den Tod von Tarek und den Trauerprozess sehr aktiv bearbeiten und begleiten wird. Es war vorgesehen die Kinder mit einem speziellen Bilderbuch anzusprechen.

Eine einzige Mama wollte nicht, dass ihr Kind dieses Bilderbuch sieht. Sie wurde vom Team darauf aufmerksam gemacht, dass trotz alledem ihr Kind mit dem Thema in Berührung kommt. Schon allein deswegen, weil die Kinder auch untereinander über den Tod sprechen.

Nachdem die Mutter das Bilderbuch gesehen hatte und es ihr von einer Pädagogin so präsentiert wurde, wie es den Kindern präsentiert wurde, hat sie sich anders entschieden. Sie wollte dass ihre Tochter das Bilderbuch doch sieht.

Trauerarbeit mit den Kindern

In Kleingruppen von 2 – 3 Kindern wurde das Buch „Für immer“ mit den Kindern erarbeitet. Zum Teil wurde das Buch auch von den fremdsprachigen Kolleginnen auch für die fremdsprachigen Kinder übersetzt. Die Kinder haben das Thema ganz toll aufgenommen. Zwei Kinder haben bei der Erarbeitung geweint.

Aber alle Kinder sind nachher wieder zurück in die Gruppe und haben bei der Jause den Tisch für Tarek mitgedeckt. Sie haben sich liebevoll an ihn erinnert. Immer wieder kam es zu netten Gesprächen. „Das hat Tarek auch immer gerne gespielt.“ Sie waren ganz unbefangen und haben Bilder gemalt und im Gedenkraum aufbewahrt. Es war sehr schön, wie die Kinder den Geist von Tarek lebendig gehalten haben. Auch jetzt nach einem Jahr denken die Kinder noch an Tarek. Beim Spazierengehen denken sie an gemeinsame Erlebnisse. Wenn sie zum Platz kommen, wo Tarek seine Sachen hatte, erinnern sie sich an ihn. Obwohl dieser Platz schon lange vergeben ist.

Wir werden dich nicht vergessen

Allerdings gibt es immer noch ein Foto von Tarek in der Gruppe. Dieses Foto wird bleiben, so lange Kinder im Kindergarten sind, die Tarek persönlich gekannt haben.

In der Gruppe wurde eine Schatzkiste für Tarek gemacht. Jedes Kind hat bei einem Spaziergang einen Stein gesammelt, bemalt und hineingelegt. Es war aber auch Platz für persönliche Zeichnungen.

Gemeinsam mit den Kindern der Gruppe wurde ein Fotoalbum mit den gesammelten Erinnerungen gemacht.

Tarek hatte immer ein gekochtes Ei zum Frühstück mit. Vor kurzem hatte ein anderes Kind ein gekochtes Ei mit. Als dieses Kind die Brotdose aufmachte, drehten sich mehrere Kinder um: „Ist Tarek da?“ – Sie brachten nach fast einem Jahr den Geruch immer noch mit ihm in Verbindung.

Die Beerdigung

Kurz vor der Beerdigung wurde noch ein Elternnachmittag veranstaltet, um den Eltern noch einmal die ganzen Materialien zu zeigen. Dabei wurde noch einmal erklärt, wie im Kindergarten über den Tod von Tarek gesprochen wird.

Im Zuge der Beerdigung wurde der Kindergarten geschlossen und das ganze Team ging zur Beerdigung. Die Familie von Tarek kam nach Deutschland und hat dem Glauben widersprochen und hat auch mit der Familie gebrochen. Es waren also nur ganz wenige Familienmitglieder bei der Trauerfeier anwesend.

Der Prediger hielt die Feier in zwei Sprachen ab, um das Kindergartenteam miteinzubeziehen. Nach der Beisetzung war das ganze Team noch mit der Familie Kaffee trinken. Die Eltern von Tarek begrüßten das Team herzlich. Sie hatten sich für diesen Anlass extra einige Sätze auf Deutsch zurecht gelegt.

Die Begleitung der Familie des verstorbenen Kindes

Einige Wochen später besuchte das Team die Familie gemeinsam mit einer Therapeutin, die die Sprache der Familie spricht, noch einmal zu Hause.
Die Familie empfing alle sehr herzlich.

Zu diesem Anlass brachten die Pädagoginnen auch ein Fotoalbum und Zeichnungen von Tarek mit. Dieses Geschenk wurde zuerst verpackt im Auto gelassen und wurde den Eltern nur angeboten. Sie hätten auch ablehnen können. Sie nahmen es aber dankbar an, entschlossen sich aber, es erst später zu öffnen. Im Zuge dessen wurde auch die Schatzkiste der Kinder übergeben.

An diesem Termin konnte auch die Familie noch einmal über ihre Sorgen und Nöte sprechen. Sie fragten, ob man das nicht hätte verhindern oder ahnen können. Sie hatten die Krankheit nicht verstanden.

Die Eltern im Kindergarten hatten Geld für die Beerdigung des Kindes gesammelt und der Elternrat hatte einen netten Begleitbrief geschrieben. Da die Familie durch die Situation sehr belastet war, freute sie sich sehr über die Unterstützung.

Nach über einem Jahr sieht Eva den Vater von Tarek immer noch regelmäßig beim Einkaufen. Stets kommt er freudig auf sie zu. Er umarmt sie herzlich und ist sehr dankbar, für alles, was sie für seinen Sohn getan hat.

Und heute?

Dieses Erlebnis hat die ganze Elternschaft sehr zusammengeschweißt.

Vor kurzem machte der ganze Kindergarten einen Spaziergang und im Zuge dieses Spazierganges kamen alle auch über den Friedhof. Plötzlich blieb eines der Kinder stehen und fragte: „Liegt da Tarek? Der ältere Mann der bei diesem Grab stand kannte sich zuerst gar nicht aus. Er erklärte: „Nein, da liegen meine Eltern.“
Dann haben die Kinder erzählt, dass ein Kind aus der Gruppe gestorben ist und auch auf dem Friedhof liegt. Sie erzählten ganz unbefangen: „Tarek ist jetzt tot, aber er ist immer ein bisschen bei uns. So ist bestimmt auch deine Mama immer ein wenig bei dir. Du kannst ruhig traurig sein, aber du kannst dich auch an sie erinnern.“

Auch von den Eltern bekommt das Team immer wieder Rückmeldung, wie toll die Situation gemeistert wurde. Anfänglich waren viele Eltern sehr skeptisch, ob man die Kinder mit dem Thema Tod belasten soll. Mittlerweile sind alle froh, wie unbelastet und natürlich die Kinder mit dem Thema Tod und Sterben umgehen können. Es wurde von Anfang an über alles gesprochen. Es standen keine Fragezeichen im Raum. Die Kinder durften alle Fragen stellen und bekamen immer Antworten.

Trauerprozesse verlaufen in Wellen

Teilweise haben die Kinder den Tod auch im Spiel verarbeitet.
Wenn der Kindergarten eine Lieferung bekommt, dürfen die Kinder immer mit den großen Kartons spielen. Meistens bauen sie daraus Häuser oder Autos. Zu dieser Zeit war der Karton ein Sarg und die Kinder spielten Begräbnis.
Da sich das Team aber fortwährend von der Familienberatung und von einem Feuerwehrseelsorger beraten ließ, war es von diesen Spielen nicht verunsichert, sondern konnte sie als das sehen, was sie waren – ein Verarbeitungsprozess.

Die Kinder durften durch diese Vorgangsweise aktiv Abschied nehmen. Sie dürfen das Andenken an Tarek aufrechterhalten und immer über ihn sprechen.
Das Team wurde durch diese Vorgänge zusammengeschweißt. Jeder weiß, dass er sich auf die anderen verlassen kann. Alle stärkten sich gegenseitig den Rücken.
Es wurde immer offen kommuniziert und alle durften ihre Trauer zeigen. Eines zeigte sich aber auch: Jeder trauert anders – auf seine Weise!

Alle lernten dadurch dass Trauerprozesse nicht kontinuierlich verlaufen, sondern ein Pendeln zwischen den Polen herzzerreißende Trauer und „Ach heute geht es mir ganz gut!“.

Erfahrungen wandern weiter

In einem anderen Kindergarten desselben Trägers gab es heuer einen Todesfall und das Team wurde zu Rate gezogen.
Das Team hat eine Art Methodenkoffer für das Thema Trauerarbeit zusammengestellt, den es gerne weiterträgt. Die positiven Erfahrungen machen jetzt dem anderen Kindergarten Mut den Weg genau so offen zu beschreiten.

Fazit

Wenn alle Beteiligten mutig sind, dann kann so eine Erfahrung für die Kinder sehr wertvoll sein. Kinder gehen oft sehr viel unbeschwerter mit dem Tod um als Erwachsene. Oft lassen wir es zu, dass unsere eigenen Ängste die Trauerarbeit der Kinder beeinflussen.

Empfehlenswerte Bücher zum Thema Tod und Sterben

Jeder trauert anders!

 

 

 

 

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